Mein Bild von der Welt und von „allem was ist“

 

Inaqiawa  ©   03.06.2013

 

„Alles was ist“ … das spricht sich so leicht aus. Aber was ist „alles was ist“? Es heißt, es ist das Numinose, das gestaltlos Göttliche, das Unbenennbare. Wie soll mein identifizierter Verstand da folgen können? Alles was er benennen kann, ist es demnach nicht. Das reine Bewusstsein ist das Potential, welches noch keine Form angenommen hat … ist sozusagen die Quelle für alles, was entstehen kann, aber noch nicht entstanden ist. Es ist das „Nichts“ und das „Alles“ zusammen und zur gleichen Zeit und auch wieder nicht, weil benannt. 


Sobald mein Verstand es in mir mit einem Namen versieht, hat es Form angenommen und ist damit abgetrennt von „allem was ist“. Die dreidimensionale Sprache macht es schwer, dieses „alles was ist“ zu greifen, weil es unbegreifbar bleibt. Wie, in diesem unbegreifbaren Universum, kann ich mir dann mein Sein und dessen Sinn vorstellen?

Ich jogge durch den Wind des Nordens. Heute bläst er besonders kräftig, die Äste der Bäume neigen sich tief und beweisen dabei die Eleganz ihrer Elastizität. Es ist ihr Tanz im und mit dem Wind und ihr Widerstand entlockt dem Wind seinen Klang. Ich lausche diesem Klang und manchmal glaube ich ihn zu verstehen. Die Sonne sucht sich immer wieder den Weg durch die Wolken in mein Gesicht. Sie erhellt meinen Geist und muntert mein Gemüt auf. Ich frage Wind und Sonne, ob sie eine Antwort auf meine gestellte Frage haben: wie, in diesem unbegreifbaren Universum, kann ich mir dann mein Sein und dessen Sinn vorstellen?


Die Füße suchen sich ihren Weg durch die sich am Boden bildenden Schattenfelder von Sonne, Bäumen und Wind, die sich durch die Bewegung ständig verändern. Der Untergrund zeigt sich wie eine sich ständig verändernde Puzzlefläche und ich bin Teil des Puzzles und verändere es mit jedem Schritt. Ist das die Antwort auf meine Frage?

Mein Verstand beginnt mit diesem Bild zu spielen. Er liebt plastische Bilder. Sie helfen ihm, die Informationen zu verarbeiten, einzusortieren und zu verstehen. Vor dem inneren Auge entsteht die Ahnung einer unbegrenzten Puzzlefläche ohne Konturen der einzelnen Puzzlesteinchen. Noch gibt es keine Form, noch bleibt alles unsichtbar. Es ist der Moment, bevor die eigene Vorstellung sich zeigt und eine Idee entsteht. Noch ist alles möglich …

Aus dem Nichts heraus formt sich vor meinem inneren Auge ein kleines Areal dieses imaginären Puzzlespiels mit bunten Steinchen. Mein Verstand erkennt dies als mein formgewordenes Leben in der Unendlichkeit des nicht Vorhandenen, des reinen Potentials. Dann tauchen andere bunte Areale auf, die andere formgewordene Leben symbolisieren. Ein inneres Gefühl von Glückseligkeit entsteht und durchströmt meinen Körper. Der Anblick dieser Farbenpracht, Vielfältigkeit, Einzigartigkeit und Schönheit durchdringt jede Zelle meines momentanen Seins. Für einen kurzen Moment scheinen alle Zellen in mir ein Bewusstsein dafür zu erinnern, was formgewordenes Leben wirklich bedeutet. Jedes einzelne Areal scheint unantastbar, erscheint richtig und vollständig in sich selber und doch ist im selben Augenblick klar, dass alle Areale zusammen erst das Ganze ergeben. 

Das ist also „mein Leben“! Ein buntes, formgewordenes Areal aus dem unendlichen Potential. Ein Spiel, das in der Lage ist, aus den Möglichkeiten Wirklichkeiten zu erschaffen. Ich habe mich aus dem Nichts hier in dieses Areal geträumt, um Formen zu erschaffen, um „mein Areal“ zu gestalten, damit das Potential Formen erhält und Wirklichkeit wird. WOW!


Dieser Gedanke lässt meinen Verstand vor Freude erzittern. Ihm gefällt die Schönheit, die Wichtigkeit und die gleichzeitige Leichtigkeit dieser Idee und er beginnt zu grinsen, als hätte er es schon immer gewusst. Ein neuerlicher Blick auf das innere Bild erfüllt die Formen mit Bewegung und es wird deutlich, dass die einzelnen Puzzlesteinchen eines Areals durch Erfahrungen und Erkenntnisse entstehen. Manche kommen aus dem Nichts und manche bewegen sich zwischen den sichtbaren Arealen hin und her. Sie sind Geschenke von anderen formgewordenen Leben.

Der innere Blick meines Verstandes ruht auf dem Bild und er genießt das entstehende Wunder des Austausches von Geschenken. Dabei wird ihm klar, dass es keinen einzigen Grund für die Bewertung der Geschenke in Form von unterschiedlichen Puzzlesteinchen gibt. Weder im eigenen Areal, noch in den Arealen der anderen. Sie sind alle unterschiedlich wunderschön, keines gleicht einem anderen und er setzt sie gleich mit der einzigartigen Formen einer jeden Schneeflocke. Der liebevolle Gedanke, die Einzelheiten des formgewordenen Lebens nicht mehr bewerten zu müssen, ist meinem Verstand nicht wirklich ganz neu, aber dennoch eher ungewohnt. Er spürt, dass eine Bewertung in ihm angelegt ist, spürt aber gleichzeitig auch die freie Wahl, die Aspekte des formgewordenen Lebens so wie gerade, wohlwollend zu sehen und entscheidet sich dafür … jedenfalls so lange, bis es ihm gelingt, ohne Bewertung auszukommen und die einzelnen Puzzlesteinchen nur noch als das zu sehen, was sie sind: einzelne Puzzlesteinchen, die das Große Ganze in seiner Vollkommenheit bilden. 


Immer noch den Austausch der Steinchen beobachtend, steigt in ihm die Erkenntnis auf, dass nicht alle noch nicht eingefügten Steinchen, die im Areal herumliegen, zueinander zu passen scheinen. Es gibt ein paar Puzzlesteinchen, die sich nicht gut anfühlen und noch bevor er seine Frage an den Wind formulieren kann, sieht er, wie aus einem anderen Bereich ein Steinchen für unser Areal angeboten wird, das aus seiner Sicht kein harmonisches Gefühl für unser kleines „Gesamtkunstwerk“ ausstrahlt und er lehnt es dankend ab, weil er um sein Recht der freien Wahl weiß und nur noch Geschenke annimmt, die sich gut anfühlen. Dieses „sich gut anfühlen“ ist für ihn ein wichtiges emotionales Leitsystem geworden, wenn es darum geht, die Harmonie in unserem Areal aufrecht zu erhalten. Unbeeindruckt von der Ablehnung wird das Angebot aufrecht erhalten und immer wieder erneuert. Jede Erneuerung erhält dabei mehr äußeren Druck und es wird spürbar, dass die Entscheidung einer Ablehnung nicht akzeptiert wird. Da scheint aus dem anderen Bereich eine Kraft aufzusteigen, die glaubt einen Einfluss auf die Zusammensetzung unseres Areals nehmen zu müssen. Es fühlt sich so an, als glaube diese Kraft besser zu wissen, was für unser „Gesamtkunstwerk“ richtig ist. Mein Verstand versucht liebevoll zu bleiben, obwohl die Kraft von außen jetzt auch noch zu argumentieren beginnt, warum wir das Steinchen unbedingt nehmen müssen. Mein Verstand hat begriffen, dass jedes Leben, dass sich in die Form hineinträumt, eine konkrete Vorstellung von der Gestaltung des eigenen Bereichs mitbringt und mit dieser eigenen Vorstellung zur Vollkommenheit des Ganzen beiträgt. Die Begegnung der verschiedenen Areale und der Austausch von Steinchen zwischen ihnen, ist eine wichtige Vernetzung und dient zur Bereicherung, nicht zur Manipulation oder invasiver Veränderung der Gestaltung anderer Bereiche. Jedes Leben, das sich in eine Form geträumt hat, hat ein natürliches Recht auf Eigengestaltung und damit die freie Wahl, Angebote als Geschenke anzunehmen oder abzulehnen. 

Eine Windbö umspielt meinen Körper und verstärkt das Rauschen des Windes. Zufrieden raunt er in mein Verstandesohr: das ist eine schöne Weltsicht für Dein Areal … lebe sie mit ganzer Freude. Sie kann ein Angebot für andere sein, ein Impuls, vielleicht sogar ein willkommenes Geschenk … und bleibe offen für neue Puzzlesteinchen, spüre hinein und wenn sie deinem Leitsystem entsprechen, dann wähle klug.