„Die Schwestern“


© Inaqiawa  2007



Es duftet nach Rosen in dem kleinen Garten. 

Die Nachmittagshitze wird durch den milden Wind gekühlt, der nicht stark genug ist, um die Blätter in den ausladenden Buchen zum Rascheln zu bringen. Es ist eine friedliche Zeit, diese Zeit vor dem Fünfuhrtee.

 

Constanella kniet auf dem zusammengefalteten Handtuch. Das schont ihre arthrotischen Knie und macht ihr die Gartenarbeit leichter. Sie liebt das Graben in der Erde, wenn sich der Boden unter ihren Fingernägeln sammelt. Wenn ihre Haut dunkelbraun wird vom lehmigen Gemisch der Blumenerde. Sie fühlt sich allem so nah, so verbunden, wenn der modrige und dennoch frische Geruch nach oben strömt und sich in ihrer Nase festsetzt. Dann könnte sie die Welt vergessen und nur für diesen Augenblick leben.

Sie blinzelt in die Sonne und folgt mit den Augen dem braun getigerten Katzenjungen, das fast lautlos durch das Gras in Richtung Johannisbeersträucher schleicht, dem hochtönenden „Miez-Miez-Miez“ folgend.

 

Es ist Seraphina, die dort die reifen, saftig roten Früchte in einen Weidenkorb sammelt. Hockend auf dem Boden lockt sie die Katze zu sich. Seraphina ist die Katzenmutter schlechthin und sie hat immer ein paar Futterkrümel in ihrer Rocktasche. Für sie haben diese Tiere seit ihrer Kindheit eine ganz besondere, ja, eine mystische  Bedeutung. Fasziniert von den sanften Pfoten und den geduldigen Augen lässt sie zu, dass sie sich hier auf dem Grundstück ohne Eingriff vermehren, gerade so wie die Natur es will. Es gibt nur eine Einschränkung - sie müssen sich selber ernähren. Nur die wenigen Krümel, die sie benutzt, um die wilden Katzen zu zähmen sind erlaubt. Das ist die Absprache mit der Chefin und daran hält sie sich, wenn auch manchmal mit schwerem Herzen.

 

Die Chefin steht im Kreuzgang und hält ein Buch in ihren Händen. Um diese Zeit befindet sie sich in einer gehenden Lesemeditation. Jeden Tag, Tag für Tag. Langsam durchmisst sie mit winzigen Schritten die Wege des Kreuzgangs im Uhrzeigersinn. Sie kennt jeden Zentimeter, sie braucht ihre Augen dazu nicht mehr. Die kann sie getrost auf das Buch gerichtet lassen. Jede noch so winzige Unebenheit im Boden ist ihr vertraut. Allein aus den Augenwinkeln heraus weiß sie exakt wo sie sich befindet. Der Schattenwurf der Sonne sagt ihr die wievielte Runde sie bereits gegangen ist. Und niemand weiß, dass sie gar nicht liest. Es ist ihr Geheimnis. Diese Zeit nimmt sie sich, um ganz leer zu werden, um gerade  einmal nicht zu denken, sondern sich zu einem leeren Gefäß zu machen, in das Energie einströmen kann, die sie dann ganz ausfüllt. Sie erfüllt sie mit unendlicher Liebe. 

In dieser Meditation wagt sie keine zu stören. Alle wissen darum und außer ihr befindet sich zu dieser Zeit auch keine andere im Kreuzgang. 

 

Obwohl Samantha sie jetzt dringend sprechen müsste, wagt diese nicht, die Lesende zu stören. Was soll sie denn jetzt tun? Draußen wartet ein Herr von der Behörde und besteht darauf, die Angelegenheit jetzt und sofort zu klären. Warum ist sie bloß zur Tür gegangen und hat nicht warten können, bis eine Andere das Läuten vernommen hätte? Ausgerechnet ihr, die so schnell unsicher wird und am liebsten für alles und jedes eine Gebrauchsanweisung hätte, ausgerechnet ihr muss dieser Mann gegenüberstehen.

Sie nestelt verlegen an den Knöpfen ihrer schlichten Strickjacke. Mit Männern hat sie keine Erfahrung. Bevor sie hierher kam, lebte sie auch nur unter Frauen. Mit ihrer Mutter, ihrer Großmutter und zwei Tanten. Alle haben über sie gewacht und ihr gesagt, was sie tun müsse. Sie kann sich nicht erinnern, auch nur ein einziges Mal eine eigene Entscheidung getroffen zu haben, oder doch? Nein, nein, es war immer eine andere da, die ihr sagte, was sie tun solle. Und so atmet sie erleichtert auf, als sie im Spalt der Küchentür die Rettung zu sehen glaubt.

 

Hildegard steckt mit den Händen im Brotteig. Heute ist Backtag. Brot mit den Händen zuzubereiten, ist für die junge Frau mit den pechschwarzen, lockigen Haaren eine heilige Handlung. Dabei versinkt sie mit unendlicher Hingabe in die Tat selbst. Eine Locke ihrer hoch gesteckten Frisur ist von der Stirn über die Augen gefallen. Sie nimmt davon keine Notiz. Leise summt sie eine immer wiederkehrende Melodie. Fast wie ein Mantra folgen die fremd klingenden Worte des Liedes aufeinander, immer und immer wieder. Ihre Stimme ist dabei sanft und hell. 

Dann schaut sie auf und begegnet den Blicken Samanthas. Hildegard ahnt nicht einmal, was da draußen geschieht, doch intuitiv bewegt sie ihren Kopf in seitlicher Richtung, um damit die Verneinung jeglicher Frage anzudeuten. Dann richtet sie ihren Blick wieder in die Schüssel vor sich und versinkt ein weiteres Mal in ihrem Tun.

 

Sarah ist es, die Samantha zur Hilfe kommt. Der große Wäschekorb, den sie bei sich hat, ist gefüllt mit weißen, wunderbar duftenden Handtüchern. Beim Namen ‚Sarah‘ könnte eine an ein zartes, vielleicht sogar filigranes Wesen denken. Aber das ist von der Wirklichkeit weit entfernt. Sie hat die Statur einer italienischen Mama. Klein und rundlich mit rosa Wangen und einem Strahlen im Gesicht kommt sie über den Flur. Ihr Schritt zeugt von der Energie, die in ihr steckt und ihre Stimme lässt erahnen, das Widerspruch zwecklos ist. Sarah nimmt sich den Wünschen des wartenden Herrn an und es dauert nur wenige Minuten, bis sie ihm deutlich gemacht hat, dass es zu dieser Stunde aussichtslos ist, mit der Chefin sprechen zu können. Und im Hinterkopf hat sie, dass es auch ihr nicht passen würde, weil es gleich fünf Uhr ist und der Tee auf sie alle wartet. Als sie die Tür hinter dem Beamten schließt, hört sie bereits den ersten Gong.

 

Es ist das Zeichen für alle, die Arbeit niederzulegen und sich auf die gemeinsame Runde vorzubereiten. Wenn der zweite Gong in wenigen Minuten ertönen wird, werden sie in der Bibliothek an dem großen runden Tisch sitzen und die tägliche Zeremonie wird ihnen auch heute wieder deutlich machen, was das Besondere an ihrer Gemeinschaft ist.

Sie sind Schwestern.

Schwestern, die gemeinsam leben. Die sich in ihren Eigenarten achten und die gelernt haben, diesen Eigenarten auch den besonderen Wert beizumessen. Sie vertrauen einander und wegen ihrer Andersartigkeit ergänzen sie sich vortrefflich in der Organisation des täglichen Ablaufs.

Den größten Genuss aber stellt diese Teerunde dar. Sie hören einander in aufrichtigem Interesse zu. Sie lachen und sie weinen gemeinsam. Und über allem steht die gemeinsame Lebenseinstellung, die getragen ist von Hingabe und Liebe an die Schöpfung der großen Mutter Erde. 

Sie sind Schwestern, weil sie alle aus dem Schoß der gleichen Mutter stammen.