„Das Wesen der Liebe“

 

von Inaqiawa

© 2010

 

Zwischen ihren Zehen rieselt der feine, weiche Sand. Die Farbe des Wüstensandes schimmert wie ein rotgoldener Teppich. In der untergehenden Sonne wirkt er mit seinem Glanz schon fast kitschig, auf jeden Fall aber unwirklich. Mit zusammengekniffenen Augen sehen die langen Schatten zwischen den Dünen wie Geistwesen aus, die auf die Nacht warten. Ein leichter, noch milder Wind fasst unter das wohl landestypische, aber hauchdünne Gewand und hebt es spielerisch an. Wie ein Schleier weht ein Teil davon vor ihre Augen. Was sie dadurch noch sehen kann, wirkt zunehmend noch gespenstischer. Für einen kurzen Moment fühlt sie sich einsam und verlassen in der endlosen Weite eines Panoramas, das aus einem alten Film entsprungen sein könnte. Soweit ihre Augen sehen können: nur Sand, Sand, Sand. Große Dünen mit weichen Konturen bis zum Übergang zwischen Erde und Himmel. Selbst der Himmel ist inzwischen nicht mehr blau, sondern hat im Farbenspiel des Sonnenunterganges einen Goldton angenommen.


In diesem Augenblick wird Katharine deutlicher denn je, dass der Horizont nur ein Gedankenspiel ist, dass er unreal, weil nicht vorhanden ist. Wir sehen ihn, aber es gibt ihn nicht. Unsere Augen zeichnen einen Strich und wir nennen es Horizont und Katharine wird klar, dass dieses Wort ein Konstrukt ist, wie Tausende andere auch, eigentlich wie ihr ganzes Leben. Ein Wort für etwas, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Wir benennen etwas, um uns Orientierung zu verschaffen und glauben am Ende gar an dessen Existenz. Und dann gehen wir auf die Suche danach und spüren, dass dieses Etwas so, wie wir es uns vorgestellt haben, nicht zu finden ist.


So ergeht es ihr seit Jahrzehnten mit der Liebe. Und die gedankliche Suche nach und Auseinandersetzung mit der Liebe ist es auch, die sie hierher in die Einsamkeit der Natur geführt hat. Hier hofft Katharine mehr Klarheit darüber zu erlangen, was Liebe wirklich ist.

Vor einigen Wochen ist ihre zweite große Liebe einfach von außen beendet worden. Das Familiengericht hat ihre Ehe geschieden. Er wollte es so und niemand hat sich um ihre Liebe gekümmert. Niemand hat sich überhaupt um ihre Gefühle gekümmert. Was war jetzt mit ihren Plänen und Vorstellungen? 

Katharine lässt sich auf ihre Arme gestützt vornüber in den warmen Sand gleiten und dabei fällt ihr eine Frage ein, bei der sie früher immer schmunzeln musste: ‚Wie bringe ich Gott zum Lachen?‘ Antwort: ‚Indem ich ihm meine Pläne erzähle‘. Aber im Augenblick ist ihr gar nicht zum Schmunzeln zu Mute. Tränen schimmern in ihren Augen. 


Er war und ist für sie die wirklich große Liebe, für die sie Opfer und Anstrengungen in Kauf genommen hat. Sie hat sich so sehr gewünscht, mit dieser Liebe nicht alleine zu bleiben. Und jetzt? Ihre Gedanken gehen wieder zurück. Er hat sich anständig verhalten. Ihm ging es darum, die Ehe wie einen ganz normalen Vertrag anständig zu lösen. So ist eben seine Art und er betonte dies auch immer wieder. Was war denn mit seiner Liebe geschehen, wohin war sie gegangen? Hatte er keinen Einfluss mehr auf sie? War seine Liebe ein Irrtum? Und wohin soll sie jetzt mit ihrer Liebe? Muss sie auch ihre Liebe vertreiben, um nicht unter ihr zu leiden?  Oder darf sie weiter lieben - einfach so - auch ohne Ehemann? Solche Fragen treiben sie seit dieser Zeit um und eine Antwort scheint nicht in Sicht. Deshalb hat sie sich in die Wüste zurückgezogen. Sie wollte sich nicht mit einem Urlaub ablenken, sondern Antworten suchen und finden, besonders auf die Frage: ‚Was ist Liebe überhaupt?‘ Es gibt so viele Arten von Liebe. Liebe zu einem Partner, Liebe zu Kindern und Eltern, Liebe zur Natur, Liebe zu Tieren und Liebe zu Freunden. Was ist der gemeinsame Nenner? Welchen Sinn erfüllt dieses Gefühl? Wir alle sehnen uns danach, dann muss es doch einen tieferen Sinn für die Liebe geben, etwas das über die persönlichen Belange des Menschen hinausgeht. Katherine glaubt, dass die Liebe etwas Göttliches ist, dass sie eine Kraft ist. Eine Kraft, die Beziehungen zusammenhält. Vielleicht ist es gar nichts Privates, vielleicht ist es eine Art „Lebenskitt“, der die Welt zusammen hält? Und warum tut es dann so weh, wenn wir glauben, sie zu verlieren? Vielleicht weil wir ohne diesen Lebenskitt aus den Fugen geraten oder auseinanderfallen? Katharines Gedanken kreisen fortwährend, ohne das Gefühl zu hinterlassen, mehr zu verstehen oder herauszufinden als vorher. 


Eine Gazelle springt ungefähr hundert Meter vor ihren Augen elegant über den Wüstenboden. Ihr Blick bleibt an der graziösen Gestalt hängen und für eine Sekunde ist sie vollkommen gedankenleer, fühlt nur noch und schaut der Gazelle nach. Für diesen einen kurzen Moment hat sich ihr Verstand zur Ruhe bringen lassen, hat das Nachdenken eingestellt – für diesen einen kurzen Moment befand sie sich im Reich ihrer Gefühle. Und dann – genauso schnell, wie er gekommen ist – dann ist dieser Moment auch schon wieder vorüber, ihre Gedanken setzen erneut ein und mit einem Schlag ändert sich auch ihre Gefühlslage von positiv zu negativ. Was ihr dabei auffällt ist, dass es in ihrem Gefühlsleben offensichtlich gar nicht so schrecklich aussieht, wie sie dachte, denn für diesen kurzen Moment ging es ihr so richtig gut. Kann es sein, dass es ihr Verstand ist, der die Situation so unerträglich macht? Der sie so verwirrt und so unendlich viele Fragen aufwirft und ihr dennoch keine beruhigende Antwort geben kann? Vielleicht ist ja dem Verstand das Gefühl der Liebe gar nicht zugänglich? Vielleicht kann der Verstand gar nicht fühlen, sondern nur denken und hat deswegen keine „mitfühlende“ Antwort für sie? Vielleicht kann sie ihrer ersehnten Antwort näher kommen, wenn sie den Verstand einmal ausschaltet und lediglich fühlt? Katharine denkt darüber nach, wie sie das bewerkstelligen könnte, denn ihr Verstand zwängt sich ihr einfach immer auf und fragt gar nicht erst danach, ob sie jetzt gerade denken möchte. Es kommt ihr so vor, als hätte sie überhaupt keinen Einfluss auf ihren Verstand, als könne sie ihn nicht abschalten, sondern nur überlisten, mit etwas anderem beschäftigen.


Sie kramt in ihrer Handtasche und holt den MP3-Player heraus. Das könnte funktionieren. Bei klassischer Musik kann sie abschalten, denkt sie und sinnt im selben Moment über ihre Wortwahl nach. Wen oder was abschalten? Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir diesen Ausdruck benutzen? Auf alle Fälle wird diese Methode funktionieren, denkt sie. So kann ich meinen Verstand austricksen. Und sie weiß auch schon, was genau sie vor dem Hintergrund dieser Kulisse hören möchte: Die Schöpfungsgeschichte von Haydn!

Bereits mit den ersten Tönen lässt sie sich in den Gesang fallen und in die Musik hineinziehen, verschwindet förmlich in den Klängen. ‚Die Welt so groß und so wunderbar‘ singen die Stimmen und im Anblick der Wüste überkommt sie Stille und Dankbarkeit. Sie taucht ab in ihre Gefühle und überlässt sich der musikalischen Komposition mit Haut und Haaren. Ihr Herz öffnet sich und ein faszinierendes Wechselspiel beginnt: die Klänge strömen von außen in sie ein, treffen auf eine Resonanz und die daraus entstehenden Gefühle quellen wieder aus ihr heraus, um sich in den Kosmos zu ergießen. Ihre Atmung wird tiefer und ruhiger und sie empfindet alles gleichzeitig, als wäre alles ein einziger, großer Moment und sie nicht eine einzelne Person in der Wüste, sondern ein unerlässlicher Teil dieser Wüste, dieser Welt.


‚Komm folge mir, folge mir‘ klingt die Stimme leise in ihrem Ohr und sie gerät tiefer in den Sog der wohllautenden Melodie, spürt ihre eigenen Konturen nicht mehr, empfindet sich nicht einmal mehr als Teil des Ganzen, sondern als das Ganze selbst. Ihr Herz wird immer weiter. ‚Welch Wonne... keine Sorge trübt mich‘, ertönt es wieder. Ja, das kann sie leibhaftig fühlen. Katharine ist erfüllt von einem noch nie gekannten Gefühl, von einer Wonne, einer Verbundenheit und einer Verbindung zu allem und jedem und dann macht sich in ihr das unumstößliche Wissen breit, dass dies die wahre Liebe ist. Diese wahre Liebe ist völlig losgelöst von allem, von Menschen, Tieren und Dingen. 

Und dann geschieht etwas Unglaubliches. Eine Stimme erklingt und Katharine vermag nicht zu unterscheiden, ob sie von innen oder von außen kommt. Es erscheint ihr, als rezitiere diese Stimme ganz altes Wissen, als spräche etwas Göttliches zu ihr:

 

„Zu lieben ist etwas ganz Natürliches. Das Gefühl der Liebe ist nichts, was ihr Menschen euch ausgedacht habt. Es ist der Urzustand der Welt. 

Jede Schwingung ist Liebe. 

Alles ist Liebe. 

Selbst euer Zorn ist Ausdruck der Liebe, denn es gibt nur die Liebe. Was ihr daraus macht, ist eure Sache. Es gibt nur die Liebe.

Die Liebe ist aber nicht so, wie ihr denkt. Sie ist einfach. Sie ist der Kontext für euer Leben. Die Liebe ist nicht gut und sie ist nicht schlecht - die Liebe ist. 

Alles geschieht aus Liebe. 

Der Kosmos ist Liebe. 

Sie ist die energetische Formel für Leben. Und ihr könnt nicht nicht lieben. Ihr könnte euch anstrengen, andere Dinge zu fühlen. Diese anderen Gefühle sind alle auch Liebe - egal wie ihr sie benennt. Und ihr sehnt euch alle danach, weil es der Urzustand ist. 

Weil ihr Liebe seid. 

Es ist nicht diese romantische Geschichte, die ihr Liebe nennt. Liebe ist in allem - Liebe ist alles. Alles, was ihr benennt, sind nur Teilaspekte der Liebe, denn sie umfasst alles. 

Sie ist der Kontext eures Lebens.“