Inaqiawa
© 2011

Die Wellen schwappen an den Strand und folgen damit ihrer Bestimmung von Ebbe und Flut. Kleine Gischtkronen bleiben bei ihrer Rückkehr zum großen Ganzen der einen einzigen Welle am Strand zurück. Sie hinterlassen kleine Rücklaufrinnsale, die bei näherer Betrachtung wie winzige Bäume aussehen. Die Natur wiederholt ihre bewährten Formen auf allen Ebenen. Beim gleißenden Licht der Mittagssonne ergeben die Muster im Sand, den Abdruck eines Feenwaldes, der von glitzernden Diamanten durchzogen ist. Erst durch das Licht der Sonne erschließt sich die unendliche Farbenpracht der staubfeinen Sandkörner. Gedankenverloren sitzt sie mit nackten Füßen im Sand, lässt ihn durch die Lücken ihrer Zehen wandern, schaut auf den tiefblauen Horizont und sinniert über die geniale Wandlungsfähigkeit des Wassers und seiner Ausdrucksformen. Es passt sich den Temperaturen an, wird zu Eis oder Raureif wenn erforderlich. Fällt als Schnee oder steigt als Nebel auf und kommt als Hagel wieder herunter. Wenn es gekocht wird, nimmt es die Form von Dampf an und sucht sich einen anderen Platz. Es durchdringt alles, was es berührt … mal ganz sanft in spielerischer Art und manchmal hart und unnachgiebig als Strom, der Felsen schleift und bei alledem richtet sich das Wasser immer nach den Gegebenheiten aus. Wasser nimmt alle Informationen der Umgebung auf und ist dennoch in der Lage, sich immer wieder in den eigenen Urzustand zu versetzen.


Fasziniert versucht sie diese Gedanken auf ihr Leben zu übertragen. Was würde das für sie und ihr Leben bedeuten? Sich nur noch den Gegebenheiten anzupassen, die äußere Form zu berücksichtigen und in Abhängigkeiten ständig die Erscheinung zu ändern? Was macht den Unterschied zwischen ihrem Leben und dem genialen Sein des Wassers aus? 

Wasser ist reines Sein mit Informationen, die etwas bewirken, aber nichts wollen, hört sie eine Stimme in ihrem Kopf sagen. Und sie, sie hat einen Verstand. Einen Verstand der ihr ständig sagt, was richtig und was falsch ist, der ständig etwas will und auch noch konkrete Vorstellungen davon hat. Sein größter Verbündeter ist das Gedächtnis. Mit ihm zusammen bildet der Verstand ein beherrschendes Team von Bewertung und Erinnerung. Immer wieder zwingen die Beiden sie dazu, ihre gesamte Vergangenheit wiederzukäuen und beschwören eine Zukunft herauf, die aus den Punkten der Vergangenheit eine Linie bildet und kaum Raum für Änderungen und Neues lässt. Wenn ihre innere Beobachterin den Beiden Aufmerksamkeit schenkt, kann sie erkennen, wie ängstlich ihr Verstand ist. Er scheint besorgt um sie zu sein. Wovor fürchtet er sich und wieso klammert er sich derart an das Gedächtnis und damit an die alten Geschichten der Vergangenheit? Plötzlich spürt sie, dass ihr Verstand nicht einmal denken kann, was noch nicht geschehen ist … er besitzt das Potential für Neues gar nicht. Gebetsmühlenartig bringt er all das Alte hervor und lebt im Gefängnis seiner selbstkonstruierten Vergangenheit. Sein gesamtes Wissen ist „Schnee von gestern“, Vergangenes und durch seine Bewertung ohnehin viel mehr eine Illusion als Realität. 


In diesem Moment leuchtet ein tiefes Verständnis für den Unterschied zwischen dem Sein des Wassers und ihrem eigenen Sein auf … Wasser bewertet nicht, es nimmt was kommt und dann verhält es sich gemäß seines Seins. Wow! … Sie nimmt nicht, was kommt. So häufig in ihrem Leben hat sie die Dinge, die sich ihr präsentierten, nicht gewollt. Wie oft in ihrem Leben wollte und will sie es heute noch anders haben, als das Leben sich zeigt. Und ihr wird im gleichen Moment bewusst, dass an dieser Stelle das Leid beginnt … jegliches Leid der Welt. In dem Moment, in dem wir das Gegebene anders haben wollen, in diesem Moment beginnt Leid. Bei ihr, bei anderen, ja eigentlich bei jedem. Das unterscheidet den Menschen vom Rest der Natur. Pflanzen, Tiere und alles andere, das existiert, nimmt jede Situation als gegeben und arrangiert sich damit. Der Mensch mit seinem angeblich freien Willen will jede Situation so verändern, wie es sein Verstand erklärt. 

Ausgerechnet der Verstand, er, der immer nur am Alten haftet.


Wenn also der Verstand Neues nicht denken kann, woher kommt dann ihre Kreativität? Und kreativ ist sie sicherlich, das hat in ihrem Leben zu einer Vielzahl von wundervollen Kunstwerken geführt. Ihre Kreativität kann also nicht aus dem Verstand kommen, sondern muss einer anderen Quelle entspringen. Und dabei geht es nicht nur um die künstlerische Kreativität im musischen Bereich. Kreativität brauchte und braucht sie auch für die Gestaltung ihres Lebens. Wann und wodurch entsteht Kreativität? Darauf kann sie so schnell gar keine Antwort geben, denn eigentlich ist diese ganz plötzlich da, sie fließt einfach … ohne dass sie darüber nachdenken muss. 


Aaaah, ohne zu denken und einfach fließen wollen … das klingt nach den Fähigkeiten des Wassers, über die sie die ganze Zeit sinniert hat. Da gibt es also außer den Unterschieden nun doch auch noch eine Gemeinsamkeit zwischen der Genialität des Wassers und ihrem Leben - ihre Kreativität! Diese fließt einfach aus ihrem Herzen und braucht keinen Verstand. Sie stellt sich ein, wenn sie ganz im JETZT ist und die Zeit vergisst, wenn sie sich dem Umfeld und seinen Einflüssen entzieht, dann strömt Kreativität, in die sie eintauchen und in der sie sich verlieren darf. Und dann gibt es auch keine Sorgen und Nöte, die Vergangenheit ist ausgeschaltet und die Zukunft interessiert nicht, weil das Schönste hier im JETZT geschieht. Und es geschieht einfach ohne wirkliches Zutun, als würde eine Schleuse geöffnet und das ganze Potential des Lebens ströme in sie ein und als Kreativität wieder aus ihr heraus. Das Hineinfühlen in diesen Gedanken und das Nachspüren macht sie atemlos, raubt ihr fast den Verstand vor Glück. Sie kennt das Gefühl so gut, doch ist es ihr in den vergangenen Jahren abhanden gekommen oder nur als Hauch seiner selbst erschienen. 


Bei dem Gedanken an den Verlust graben sich ihre Füße heftig und tief in den warmen Sand … erst jetzt wird ihr überdeutlich, was sie verloren und worauf sie all die Jahre verzichtet hat, weil die Kräfte schwanden und ihr Lebenswille nachgelassen hatte und dann durchfährt sie wie ein Blitz ihr eigener Denkfehler. Sie hat nicht auf die Kreativität verzichtet, weil die Kräfte nachließen … die Kräfte ließen nach, weil sie auf ihre Kreativität verzichtet hat - auf das Leben im HIER und JETZT. Kreativität ist das Lebenselexier, das aus dem Herzen fließt … und das hat ihr gefehlt - nicht anders herum. Vielleicht kommen daher auch die Herzunregelmäßigkeiten, die vielen Herz-Beschwerden, die das Herz an sie gesandt hat. Es war eine Beschwerde an sie, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir nennen unsere gesundheitlichen Defizite zwar Beschwerden, aber wir schauen nicht mehr auf den wirklichen Wortsinn: da beschwert sich etwas oder jemand, nämlich das Herz, weil es nicht mehr genügend Lebenselexier aus der Kreativität erhält. 


Sie erinnert sich an ihren Wunsch für den nächsten Lebensabschnitt nach einer Befreiung von den vielen alltäglichen Sorgen und Ängsten, die ihr Umfeld auf sie abgeladen hat. Sie will frei sein, endlich frei sein und ihre ganz ureigene Kreativität wieder für sich zurückerobern. Auch wenn es nach außen nicht immer so aussah, ihr ganzes Leben lang hat sie sich um andere bemüht und gekümmert, fühlte sich für Dinge verantwortlich, die gar nicht ihr "business" waren und hat ihren Kopf und ihre Nerven für die Belange außerhalb ihrer Selbst verbraucht.

Sie erhebt sich aus dem Sand, nimmt ihre Sandalen auf und spricht dem Horizont entgegen: Schluss damit - jetzt ist Schluss damit! Ihre Stimme klingt dabei etwas belegt und kraftlos … einen Moment lang zögert sie noch, doch dann erhebt sich eine kraftvolle und doch jugendlich klingende und mit einem herzlichen Tempre versehene Stimme in die Luft: 

es ist mein Leben, 

es wurde mir geschenkt 

und in meine Verantwortung gelegt … 

es ist mein Leben …

es ist mein Leben …

 

Hätte sie in diesem Moment doch nur selber ihre strahlenden Augen sehen können. Sie kann das Glück spüren, das jede ihrer Zellen anfüllt und sie fühlt eine unbeirrbare Entschlossenheit, nun die Dinge zu ändern, die sie sich vorgenommen hat. Sie rafft ihre Gewänder zusammen und läuft wie ein junges Mädchen durch die Dünen zurück, direkt zur illustren Gesellschaft ihrer Party. Heute feiert sie ihren 70.sten Geburtstag.