Ein nächstes Mal .......... vielleicht!

 
Inaqiawa
© 2008 

 

2008 - Weltwirtschaftskrise. Auch wenn die Politiker aller großen Staaten dieses Planeten sich noch immer gegen dieses Wort wehren und so tun, als könnten sie den Supergau abwenden - Maximilian ahnt, dass dies erst der Anfang des großen Finales ist. Der Investmentbanker sitzt zusammengesunken an seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt, die Ellenbogen auf der Schreibtischplatte, starrt er auf den zentralen Bildschirm vor ihm. Kaum dass er die anderen im Raum wahrnimmt, die ebenso wie er den Atem anhalten und ihre Blicke ungläubig auf die Monitore ihrer Schreibtische richten. Mal in Gedanken versunken und dann wieder aufschreckend, wenn sich etwas auf dem Monitor bewegt, verstärkt sich in ihm die dunkle Ahnung. Die Aktienkurse sind wie an Fallschirme geheftet und sinken unaufhaltsam gen Boden. Niemand ist in der Lage, den Aufprall zu verhindern, die Reißleine zu ziehen. Sein Blick verliert sich und auch wenn die Sicht am Bildschirm haftet, so geht sein Blick nach innen. 


Das große Finale bedeutet für ihn, alles zu verlieren, woran er glaubt. Alles zu verlieren, wofür er jahrelang hart gearbeitet und gekämpft hat. Alles zu verlieren, was ihm etwas bedeutet, was ihm Kraft gibt. Alles zu verlieren, wofür es sich aus seiner Sicht lohnt, zu leben: der Reiz, der Nervenkitzel, der Erfolg, sein Selbstwertgefühl. Geld und das Spiel mit ihm, ist sein Leben, seit über 20 Jahren. Auf nichts anderes hat er sich so konzentriert, nichts anderes hat auch nur annähernd diese Wichtigkeit in seinem Herzen. Das wird ihm jetzt klar und er zuckt innerlich zusammen, weil er spürt, dass er mit diesen Gedanken seiner Frau Eva Recht gibt. Immer wieder hat sie sich bei ihm beklagt und mehr Zeit für sich und die Kinder eingefordert. Versprochen hat er viel, damit sie Ruhe gibt - gehalten hat er kaum etwas davon. Er dachte immer, er wäre kein Familienmensch, aber ist das wirklich wahr? Was ist mit den Kindern? - immerhin hat er drei gezeugt. In dem Bild, das er von sich hat, hat er sie Eva geschenkt, weil er dachte, es sei ihr Wunsch und dass sie dann etwas zu tun hätte und ihm seine Ruhe ließe. Und jetzt? Die fallenden Kurse zeigen ihm nicht nur, dass er den geliebten Arbeitsplatz - seinen Spielplatz - verlieren könnte, viel Schlimmeres wird geschehen. Er war wie viele andere dem Reiz und auch der Gier verfallen. Jahrelang hat er in der Runde mit seinesgleichen immer wieder auftrumpfen können, wie clever er sein eigenes Geld vermehrt, wie großartig seine Spürnase für kommende Titel mit Gewinn sei. Und er hat ein beträchtliches Vermögen angesammelt, das nun mit jedem Millimeter des Sturzfluges schrumpft. Er saß doch an der Quelle, hatte jeden Moment alles im Blick und hielt es deshalb nicht für nötig, eine Reißleine einzubauen. Und so sinkt nun auch sein Fallschirm dem Boden entgegen.


Seine Atmung wird schwerer, dann kann er seinen Körper nicht mehr fühlen. Ja, es hat sogar den Anschein, als würde er ihn verlassen und entschweben. Ruhe kehrt in ihm ein, Gelassenheit und Entspannung folgen. 


Als ginge es ihn nichts mehr an, sieht er die Kollegen aufspringen und sich über seinen Körper beugen. Der liegt auf dem Boden neben dem bequemen Schreibtischstuhl. Einer ruft einen Krankenwagen, ein anderer bettet seinen Kopf auf einer Decke. Viele stehen ratlos umher. Einen winzigen Moment lang vergessen sie das Geschehen auf den Monitoren, aber nur einen winzigen Moment lang, denn dann erfolgt ein Aufschrei aus der Ecke des Raumes. Ein Kollege meldet, dass die Fallschirme aufgeschlagen seien - die Börse sei geschlossen.


Maximilian scheint das nicht zu interessieren. Er beobachtet in einer seltsamen Verfassung, von erhöhter Position aus, das Geschehen, ohne es mit Wertung zu versehen. Nichts ist mehr bedeutend, nichts scheint ihn mehr etwas anzugehen. Ruhig und gelassen kann er betrachten, ohne eigene Gefühle und selbst das wundert ihn nicht, und einen Augenblick später ist sogar das vorbei.


Wie schön sie ist. Trotz der verweinten Augen und des müden Gesichts schimmert ihre starke Persönlichkeit durch jede Pore ihrer Haut. Wie schön sie ist, denkt er noch einmal. Eva sitzt am Fußende seines Bettes und er kann die Verzweiflung in ihrem Gesicht sehen. Doch als könne er auch ihre Gedanken lesen, weiß er, dass die Verzweiflung nicht aus ihrer Liebe zu ihm erwächst. Im nächsten Augenblick hört er sie denken und ein leiser Vorwurf klingt in ihren Worten mit. Wie könne er sich jetzt auf diese Weise aus dem Staub machen, gerade jetzt hätte sie seine Anwesenheit gebraucht. 


Hätte mit ihm reden wollen, ja müssen. Jetzt, wo alles so schwierig geworden sei, weil sie vor dem Nichts stünde und sie das Haus hat verkaufen müssen und mit den drei Kindern in eine kleine Wohnung gezogen sei, jetzt hätte er sich wieder entzogen, ähnlich wie er es ihr ganzes gemeinsames Leben lang gemacht hätte. 


Maximilian würde sie gerne trösten, doch er kann sich nicht bewegen, kann nicht sprechen. Er hört, was sie denkt und er sieht sie mit geschlossenen Augen - nur helfen kann er ihr nicht - und sich auch nicht. Wie gerne würde er sie wissen lassen, dass es stimme, was sie denkt. Und dass sie so schön sei und dass es ihm gut täte, sie so lange anschauen zu können, was er früher nie tat. Wie gerne würde er ihr sagen, dass ihm so vieles aus der Vergangenheit leidtäte. Wie gerne würde er ihr versprechen, es wieder gutzumachen, wenn er doch nur könnte. Er kann nicht. Er kann nur hören und mit geschlossenen Augen sehen. 


Eva verlässt das Zimmer und dreht sich an der Tür noch einmal in seine Richtung, um ihm zu sagen, dass sie wiederkäme, nicht mehr so oft, aber doch regelmäßig, um nach ihm zu schauen. Dann ist sie verschwunden und Maximilian wieder alleine mit sich.


Zeit scheint für ihn keine Rolle mehr zu spielen, nur noch die Welt seiner Gedanken. Er lernt - lernt zu erkennen, was das Geschenk des Lebens ausmacht und er hält Zwiesprache. Zwiesprache mit sich und mit einem Anderen, dem er noch nicht ins Gesicht schauen mag. Dieser lässt sich davon nicht beeindrucken, ist gegenwärtig, einfach nur da und wartet ab. Wartet, bis Maximilian seine Lektionen gelernt hat. Dann wird er ihn mitnehmen. 


Die Tür geht wieder auf und nun ist es nicht nur Eva, die an seinem Fußende steht. Sie hat die drei Kinder mitgebracht - und einen Mann. Er kennt ihn, es ist Victor, ein früherer Kollege von ihm. Er trägt den kleinen David auf dem Arm, als wäre dieser sein eigener Sohn. Maximilian erinnert sich an Victor. Er ist vor ein paar Jahren aus dem Geschäft ausgestiegen, hat sich nicht von der Gier anstecken lassen. Er nahm sein Bündel und verkündete, er hätte nun genug, das Spiel hätte seinen Zweck erfüllt, nun wolle er leben und genießen. Nicht nur Maximilian lachte ihn aus, alle schüttelten damals verständnislos den Kopf. Der Boom käme doch erst noch, es sei viel zu früh, um aufzuhören. Doch er ist einfach gegangen. Maximilian fragt sich, ob er damals direkt zu Eva gegangen war, aber das spielt keine Rolle mehr - jetzt nicht mehr.


Die Zeit ist nicht zurückzudrehen. Und es scheint, als hätte Eva sich entschieden - gegen ihn und für Victor. Auch diese Entscheidung hat sie ohne Maximilian getroffen, wie all die anderen zuvor auch. Und noch während Maximilian darüber sinniert, ob es für ihn noch eine neue Chance geben könnte, hört er Eva zu den Kindern sagen, sie mögen sich von ihrem Vater verabschieden und sie verspricht ihnen, dass sie, sooft sie wollen, zu ihm können, dafür würde sie sorgen, egal wie lange es dauern würde und egal wie groß der Aufwand sei. Und Maximilian denkt nur, wie groß die beiden Ältesten sind. Merle hat er anders in Erinnerung, was ist ihm da entgangen? Und auch Bo, mit ihm könnte er jetzt Fußball spielen, aber das wird der, der bei ihm ist, wohl nicht mehr zulassen. Er muss mit ihm handeln, wenn er sich wieder zeigt. Vielleicht kann er ihn überreden, ihm eine neue Chance zu geben, alles wieder ins Lot zu bringen. Schließlich hat er gelernt, hat gelernt zu erkennen, was das Geschenk des Lebens ausmacht. 


Und wie bestellt zeigt sich der Andere und Maximilian erfleht sich diese eine letzte Chance und verspricht, dass er durch seine Erkenntnisse nun anders sei und schaut ihm das erste Mal ins Gesicht. Der Andere wartet noch einen Moment, schaut ihn dann an und sagt: „Ein nächstes Mal .......... vielleicht!“