„Ach könnt‘ doch immer Weihnacht sein“

 

Inaqiawa

© 2009

 

Die späte Nachmittagssonne scheint durchs Küchenfenster und reflektiert das zarte Gelb der gestrichenen Tapete auf dem Fußboden. Das milde Licht hüllt den karg eingerichteten Raum ein und gibt ihm eine weiche Atmosphäre. Ein abgenutzter Kohleofen und eine nicht mehr weiße Nirostaspüle, ein alter Küchenschrank mit ebenso altem Geschirr, stehen an der einen Wand und an der anderen ein Holzregal, das gerade neulich festgeschraubt werden musste, damit es der Neigung nicht nachgeben würde und umfiele. Und in der Mitte der große, alte Tisch ihrer Großmutter. Der ist ihr ganzer Stolz. Die schäbigen Stühle hat sie weggestellt, damit sie jetzt um den Tisch herumgehen, ihn von allen Seiten bewundern und benutzen kann. 

Die dicke, geleimte Holzplatte hat sie erst gestern säubernd bearbeitet und ganz blank geschrubbt. Ihr Blick fällt auf den Tisch und die Zutaten für die Weihnachtsbäckerei. Alles ist da, sie hat alles bekommen, was sie braucht, auch wenn es sehr mühsam war und sie viele Wege dafür machen musste. Ihre Ersparnisse haben sogar noch für eine Gans und Wein gereicht und für ein Geschenk an ihren Liebsten. Es ist nur klein und nicht sehr wertvoll, aber immerhin hat sie ein Geschenk für ihn. 

Problematisch war das Papier. Sie hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, dass es so schwer sein würde, Weihnachtspapier aufzutreiben. Und dann hat sie in einer Schublade in ihrem Schlafzimmer doch noch welches gefunden. Es ist nicht mehr neu, ein bisschen zerknittert und muss mit dem Bügeleisen wieder geglättet werden. Genauso wie die passende Schleife dazu. Früher, Zuhause, haben sie das jedes Jahr gemacht. In ihrer Kindheit wurde das Weihnachtspapier nie weggeworfen, sondern kam in den Kasten zur Weihnachtsdekoration und wurde, so lange es nur ging, jedes Jahr wieder aufgebügelt. Das war immer so, anders kennt sie es gar nicht.

 

Weihnachten! Weihnachten! Ihr liebstes Fest und das wichtigste für sie. Schon als Kind haben sie die fremden, vielfältigen Gerüche und die knisternde Spannung in den Tagen zuvor fasziniert. Und obwohl die Mutter immer viel zu tun hatte, wurde es nie hektisch, sondern eher andächtiger, heiliger, stiller, wärmer. Wenn am Nachmittag die Kerze angezündet wurde und die Mutter mit ihr bastelte und Lieder sang, dann war ihre Welt in Ordnung. Meist hatte die Mutter nur eine Stunde Zeit, doch es war die schönste Stunde des Tages für sie. Dann fühlte sie sich so behütet, so eingebettet in Liebe und Fürsorge. Das - genau das - ist Weihnachten für sie.

Sie erinnert sich gerne an die vielen Weihnachten bei Schnee und bitterer Kälte. Heute liegt kein Schnee, es ist nicht einmal kalt. Sie schaut aus dem Fenster in den grünen Garten und denkt glücklich: ‚Egal, Hauptsache, ich kann mit Friedrich Weihnachten feiern. Einmal wieder dieses weihnachtliche Gefühl erleben dürfen!‘ 

Mit ihm, mit ihrer neuen, wunderbaren Liebe. Dass ihr das noch einmal passieren würde. Dass sie sich in ihrem hohen Alter und gerade jetzt noch einmal verlieben würde und dann so vehement, so zärtlich und so wunderschön. Glück durchströmt sie und auch ein bisschen Traurigkeit, aber das Glück überwiegt. ‚Wieder einmal ein glückliches Weihnachten feiern‘, denkt sie. ‚Wieder einmal das Gefühl von Geborgenheit und Fürsorge erleben!‘ So viele Jahre hat sie es vermisst. So viele Jahre hat sie dieses schöne Fest nicht mehr gefeiert. Wozu auch? Es war niemand da, mit dem sie hätte das Gefühl erleben und teilen können. 


Ihr Blick fällt wieder auf den Küchentisch. Sie muss sich sputen. Es gibt noch so viel zu tun bis er kommt. um mit ihr Weihnachten zu feiern.

Die Stunden vergehen während der Arbeit mit dem Teig, dem Verzieren der Plätzchen, dem Backen und Schichten in die bemalten Dosen. Die Welt um sich herum hat sie vergessen können, ihre Armut, ihr heruntergekommenes Häuschen und all die anderen Sorgen, alles zählt plötzlich nicht mehr. In Gedanken ist sie auch während des Backens mit ihm liebevoll vereint und sie denkt daran, wie verwundert er war, als sie ihn vor wenigen Wochen fragte, ob er in diesen Tagen mit ihr Weihnachten feiern würde. Es würde ihr so viel daran liegen, sie möchte es unbedingt.. 


Die Erregung war bei der Frage in ihrer Stimme zu erkennen, in ihren Augen war dieses glückliche Leuchten. Sie konnte ihm ansehen, dass er sich einfühlte, dass er wahrnahm, was in ihr vorging. Er schaute in ihre Augen und ohne eine Frage zu stellen, willigte er ein. Ja, er zeigte sogar auch eine gewisse Aufgeregtheit bei dem Gedanken, ein gemeinsames Weihnachten zu feiern. Sie weiß, dass auch er dieses neue Glück kaum fassen kann. Auch er lebt bereits viele Jahre allein und hat die Hoffnung auf eine solche Begegnung schon lange aufgegeben. Um ihn herum sind so viele seiner Freunde und Familienangehörigen begraben worden und er gestand ihr, dass es ihm manchmal so vorkam, als wäre auch er schon tot gewesen, nur sein Körper wusste dies noch nicht und bemühte sich, nach Leben auszuschaun. Jetzt scheint er seinem Körper dankbar für diese Bemühung zu sein, denn auf einmal spürt er es wieder in sich, das Leben. 


Draußen ist es dunkel geworden und sie schaltet das Licht ein - und eine Kerze. Die Kerze der Erinnerung. Dann macht sie sich wieder an die Arbeit. Stunde um Stunde, bis alles getan ist und sie vor Erschöpfung auf einen Stuhl sinkt und im Sitzen einschläft. Sie träumt friedlich und ihr Gesicht strahlt auch noch im Schlaf ein tiefes Glück aus.

Sie erwacht, als die Haustürglocke schellt. Die Hände im Schoss, den Kopf auf der Brust, die Beine ausgestreckt gekreuzt und im Herzen zufrieden und glücklich, so findet sie sich in der Küche auf einem Stuhl sitzend wieder. Da schellt es noch einmal. Langsam streckt sie sich und schaut auf die Uhr. Friedrich kann es doch noch nicht sein, oder? Plötzlich wird sie munter, richtet sich auf, glättet ihre Schürze, geht sich mit der Hand durch die grauen, schütteren Haare und denkt für einen kurzen Moment an die Eitelkeit ihrer Jugend, die schon vor vielen, vielen Jahren in der Vergangenheit stecken geblieben ist. Dann öffnet sie die Tür und schaut in seine geheimnisvollen Augen. Und als er ihren Namen ausspricht, kann sie sie wieder fühlen, die Geborgenheit, die Fürsorge und die unendliche Liebe. Er gibt ihrem Namen einen so wundervollen Klang. Wenn er ‚Vera‘ sagt, dann klingen in seiner Stimme Hoffnung und Zuversicht und so viel Liebe, dann ist sie im Einklang mit der Welt.

Rasch lässt sie ihn eintreten und erbittet sich noch entschuldigend ein paar Minuten zum Umkleiden. Als sie in ihrem schönsten Kleid zurück in die Küche kommt, hat Friedrich schon Kaffee gekocht und steht vor einer offenen Keksdose. In der einen Hand die Dose, in der anderen einen Keks zum Munde führend, räuspert er sich und spielt mit einem listigen Blick den ertappten Jungen. Das bringt sie beide zum Lachen. Es ist sein schönstes Geschenk an sie, dass er sie immer wieder mit seiner Leichtigkeit zum Lachen bringt. 

Vera geht auf ihn zu und bleibt dicht vor ihm stehen. Dicht genug, um ihn riechen zu können und fern genug, um ihm noch in die Augen zu sehen; in diese Augen voller Liebe. Er nimmt sie in die Arme und beide fühlen sich zeitlos, alterslos und grundlos glückselig.

Sie genießen, sie scherzen und verbringen so den Vormittag. Friedrich hilft ihr beim Zubereiten der Gans und dann essen sie und trinken den Wein. Schauen sich immer wieder in die Augen und beteuern sich das große Glück, das ihnen widerfahren ist und ihre Dankbarkeit darüber.

Und als es endlich dunkel ist, zünden sie die Kerzen am Baum an und singen die Lieder ihrer Kindheit.

Spät ist es geworden. Sie sitzen nebeneinander auf dem zerschlissenen Sofa. Vera lehnt mit dem Kopf an seiner Schulter und ist ganz still geworden. Auch Friedrich sagt kein Wort und so sitzen sie da in unendlichem Frieden, glücklich beisammen zu sein.

Die kleinen Kerzen am Baum sind heruntergebrannt, Wachstropfen schimmern auf den Zweigen.

Langsam erhebt sich Friedrich und nimmt Vera dabei vorsichtig in den Arm. Er möchte sie nicht im Schlafe stören. 

Und dann sieht er, dass sie nicht schläft. 

Sie ist eingeschlafen, an seiner Schulter, in völligem Frieden hinübergegangen, in das Reich, das auch auf ihn noch wartet. Tränen glänzen in seinen Augen. Tränen des Verlustes, Tränen des Glücks. Und so hält er sie in seinen Armen, behutsam und sehr zärtlich.

Als der Hausarzt eintritt, schaut er sich verwundert um. Er setzt sich wortlos an den Tisch und stellt den Totenschein aus. Neben seine Unterschrift setzt er das Datum. Er schreibt den 19. Juli 2005.